Alexander-Technik & Tango Argentino

Ausschöpfung der tänzerischen Potentiale – gewusst wie!
F.M. Alexander-Technik & Tango Argentino

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Ich möchte schwerelos, leicht, dynamisch, kraftvoll, fließend, mühelos, elegant und anmutig tanzen.
Ich möchte mit meinem Partner kommunizieren. Ich möchte meinen Partner spüren und mit ihm verbunden sein.
Ich möchte mich mühelos aufrichten. Ich möchte meine Achse ohne Anstrengung koordinieren.
Ich möchte schmerzfrei tanzen.

Die F.M.Alexander-Technik bietet die Mittel zur Erfüllung dieser Wünsche.

Irmel Weber
Foto:Christian Bilger

Präsenz durch Innehalten (Inhibition)

Frederick Matthias Alexander hat erkannt, dass gewohnheitsmäßiges Handeln und Zielstreben uns hindern, unsere Potentiale auszuschöpfen.
Anstatt mit gewohnten und deshalb meist unbewussten Handlungen auf Reize zu reagieren, können wir den Moment zwischen Reiz und Reaktion nutzen, um innezuhalten. Damit gewinnen wir die Freiheit, zwischen verschiedenen Reaktionsmöglichkeiten bewusst auszuwählen. Wir eröffnen uns einen Raum, in dem wir wählen können, unsere vertraute und gewohnte, jetzt aber bewusst gewählte Handlung zu nutzen oder eine andere, neue, für diesen Reiz unvertraute Aktion auszuwählen. Eine unvorstellbar große Menge an Reaktionsvarianten steht uns unerwartet zur Verfügung.

Wir öffnen uns die Möglichkeit, Bewegungsabläufe und Denkabläufe zu erkennen. Wir können entscheiden, ob und was und wie wir die Abläufe verändern wollen. Wir eröffnen uns eine Welt der Vielfältigkeit.
Tangotanzen ist ein Spaziergang zweier Menschen - wie die Argentinier sagen: eines Herzen mit vier Beinen.
Bei einem Spaziergang setzen wir einen Schritt nach dem anderen. Erlauben wir uns, nach jedem Schritt zu wählen, wie wir gehen wollen, wohin wir gehen wollen, ob wir gehen wollen, eröffnet sich uns ein Raum ungeahnter Möglichkeiten. Wir können bisher oft getanzte Bewegungsfolgen aufbrechen und neu gestalten. Unser Potential für die Improvisation wächst.
Als Tänzer bin ich in der Lage, mein Repertoire mit meiner Tanzpartnerin abwechslungsreich und einfühlsam zu tanzen.
Als Tänzerin eröffne ich mir den Raum, nach jedem Schritt neugierig zu sein und auf die Impulse und Vorschläge meines Tanzpartners für neue Richtungen und Bewegungselemente zu warten.
Wir geben uns die Gelassenheit und den Überblick in jedem Moment, innere und äußere Impulse wahrzunehmen, aufzunehmen und ihnen bewusst zu folgen.

Und manches Mal gibt es das Erlebnis, dass Führen und Folgen eins sind.

Elegantes Tanzen und Aufrichtung durch mentale Anweisungen (Direction)

Bewusste Ausrichtung von Hals, Kopf und Rumpf ist mit dem Innehalten untrennbar verbunden.
Weist die Halsmuskulatur eine ausgewogene Spannung auf, wird sich der Kopf im oberen Kopfgelenk mit einer Richtung nach vorne – wie ein kleines „Ja“ nicken - und nach oben ausrichten. Die Freiheit der Balance des Kopfes (immerhin beträgt das Gewicht unseres Kopfes circa 10% unseres Körpergewichts) auf der Wirbelsäule ermöglicht der gesamten Wirbelsäule, elastisch, beweglich und aufgerichtet zu sein. Infolgedessen kann sich der gesamte Rumpf – von den Sitzknochen bis zu den Schultern - in alle Richtungen ausdehnen, sich längen und weiten. Das dynamische Verhältnis zwischen Kopf, Hals und Rumpf/Rücken ist ein primärer Mechanismus für eine koordinierte Aufrichtung.
F.M. Alexander nennt diesen Mechanismus Primärkontrolle (primary control).

Beim Tango kennen wir diese Aufrichtung aus den Unterrichtsstunden, in denen wir das Gehen geübt haben. Mit einer koordinierten Aufrichtung können wir unsere Schritte anmutig und präzise setzen.
Wir erreichen nach jedem gesetzten Schritt unsere Achse und eröffnen uns die Möglichkeit, jede erdenkliche Richtung einzuschlagen.
Eine aufrechte, ausgewogene Haltung unterstützt unsere Umarmung mit dem Tanzpartner. Wir finden mit Leichtigkeit die gemeinsame Achse. Die Aufrichtung erlaubt uns die eigene und gemeinsame Achse beim Spiel der Colgadas zu verlassen und wieder zu erreichen. Unser Rücken bleibt bei der Ausführung von Volcadas stabil und schmerzfrei.

Die Elastizität und Aufrichtung unsere Wirbelsäule erlaubt uns die Verwringungen (Dissoziation), die die gemeinsamen Bewegungen und die Elemente des Tangotanzes erfordern, leicht und mühelos auszuführen.
Wir sind aufgerichtet und nach oben orientiert und haben gleichzeitig einen guten Bodenkontakt.
Wir bewegen uns zwischen Oben und Unten –geerdet und aufgerichtet – flexibel und stabil zugleich.
Bewegungen lassen sich schneller und dynamischer ausführen, Drehungen fast von selbst.

Paare, die dies verinnerlicht haben, fallen uns durch ihren harmonischen und präsenten Tanz auf. Sie können sich virtuos gemeinsam bewegen und hinterlassen dabei das Gefühl der Leichtigkeit, ja fast der Schwerelosigkeit.

Davon ausgehend, dass unsere Eigenwahrnehmung nicht immer zuverlässig funktioniert, wissen wir nicht unbedingt, wie sich unser Kopf im Verhältnis zu unserer Wirbelsäule befindet, ob unsere Wirbelsäule aufgerichtet oder gekrümmt ist. Unsere Körperwahrnehmung gibt uns keine zuverlässige Information zu unserer Aufrichtung, unserer Achse und unserem Muskeltonus.
Durch mentale Anweisungen können wir unseren Muskeltonus beeinflussen. Überflüssige Spannung können wir bewusst lösen, wo es eine Unterspannung gibt, wird sich der Tonus aufbauen. Wir kreieren in diesem Veränderungsprozess einen koordinierten Muskeltonus.

Wir können unsere Aufrichtung steuern, dadurch unsere Achse bestimmen, stabilisieren und flexibel sein.
Dies gibt uns die Möglichkeit, in jedem Moment des Tanzflusses neue Richtungen einzuschlagen und den neuen Richtungsvorschlägen zu folgen.

Der Bewegungsmuskulatur ermöglichen wir, ihrer Arbeit (Aufgabe?), Beine, Arme und Kopf zu bewegen ungestört nachzugehen. Die Aufrichtung des Rumpfes nach oben gibt den Gelenken der Beine (Hüft-, Knie- und Sprunggelenken) mehr Bewegungsfreiheit. Wir entlasten die Gelenke und können Verletzungen und Fehlgebrauch vermeiden.
Beim Tango kommt insbesondere der Vorteil zum Tragen, dass auch nach stundenlangem Tanzen keine Ermüdungserscheinungen auftreten.

Wenn wir die Funktion Kopf-Hals-Rücken-Verhältnis ungestört lassen, können die inneren Muskelschichten, die für die Aufrichtung und die Haltarbeit zuständig sind, ihre Arbeit für unsere Aufrichtung leisten. Ungestört lassen bedeutet, die Elastizität und Beweglichkeit der Wirbelsäule zu bewahren, den Kopf leicht auf der Wirbelsäule zu balancieren.

Eine einfache Übung kann unterstützen: Die Hand deines Tanzpartners liegt leicht auf deinem Scheitel. Spüre den Kontakt der Hand und stelle Dir vor, in Richtung der Hand zu wachsen.
Gleichzeitig spüre den Kontakt deiner Fußsohlen mit dem Boden und stelle Dir vor, in die Richtung des Bodens zu wachsen. Diese Vorstellung wird den Aufrichtungsmechanismus aktivieren, gibt uns die Wahrnehmung von Länge und Beweglichkeit, vergrößert den inneren und äußeren Raum.

Wir entlasten unsere Wirbelsäule, stärken unsere Rückenmuskulatur und vermeiden Rücken- und Nackenschmerzen.
Vielleicht entscheiden wir uns dann, manchen Kopfkontakt beim Tangotanzen zu unterlassen?
Der Kopfkontakt bewirkt in vielen Fällen eine Verwringung oder Beugung der Nackenwirbelsäule, die das natürliche Verhältnis von Kopf und Wirbelsäule stört.
Lohnt es sich den Hals, den Rücken oder die Schultern zu beugen oder zu verdrehen, um einen Kopfkontakt zu erreichen? In welchem Maße wünsche ich mir das? Kann ich die Verbundenheit und Nähe zu meinem Tanzpartner durch Kontakt aus meinem Inneren entstehen lassen? Auch diese Fragen lassen sich durch den Prozess des Innehaltens, Wahrnehmens in bewusstes Handeln übertragen.


Tangotanzen mit Leichtigkeit erlernen

Innehalten und Ausrichten unterstützt uns beim Erlernen des Tango Argentino.
Wir können herausfinden, weshalb manche unsere tollen Schrittsequenzen weniger gut funktionieren.
Wir können herausfinden, an welchem Punkt der Sequenz wir schummeln, und darauf vertrauen, dass der Schritt immer mal wieder klappt, besonders mit einigen Tänzerinnen. Was können wir tun, damit es immer öfter und zuverlässiger funktioniert? Wir können herausfinden, an welchem Punkt wir uns über das Wie der Bewegung und unseres Gebrauchs in der Bewegung nicht bewusst sind. Halten wir an, eröffnen wir uns die Möglichkeit, eine Änderung vorzunehmen und in Zukunft mit dem Wie-es-geht-Wissen zu tanzen.

Manchmal hilft uns auch eine Bemerkung unseres Partners und unserer Partnerin, um uns auf Punkte aufmerksam zu machen und darüber entscheiden zu können, ob wir daran festhalten wollen oder eine neue Handlung auprobieren möchten.
Wie kommt der Impuls meiner Hand bei meiner Tanzpartnerin an? Bei manchen Figuren kann er hilfreicher sein als bei anderen und muss nicht dauerhaft in der gleichen Weise aufrechterhalten werden. Es bleibt meiner eigenen Entscheidung überlassen, ob und wie viel Druck ich mit meiner Hand in der jeweiligen Situation ausüben möchte.
Wenn wir unsere Achse verlieren, können wir herausfinden, ob es an uns selbst oder an unseren Partnern liegt. Konstruktives Feedback versetzt uns in die Lage herauszufinden, wie wir unsere Bewegungen besser koordinieren können und das Miteinandertanzen dann leichter funktioniert.

Wir können bemerken, wenn Körperteile zu schmerzen beginnen. Auch dies ist ein Signal, das uns zum Innehalten veranlasst und die Wahrnehmung auf die Art der Ausführung unserer Bewegungen lenkt.

Dasselbe Prinzip gilt beim Erlernen neuer Bewegungsabfolgen. Manches Mal hindert mich mein Denken, die Bewegung sei zu schwer für mich oder ich sei zu unbeweglich, mich unbefangen dem Erlernen der Bewegung oder Bewegungsabfolge anzunähern. Oft stellt es sich im Nachhinein als leichter heraus, als wir vermutet haben.

Halte ich an, eröffne ich mir übrigens auch die Entscheidungsfreiheit, Bewegungen nicht erlernen zu wollen.

Aus der Ruhe des Innehaltens und der Kraft meiner Ausrichtung bin ich präsent und
aufmerksam für mich und damit verbunden mit meinen Tanzpartner, der Musik und den mit meinen Mittänzern gefüllten Raum.

Letzte Änderung: 2018-12-10 22:43:04